Mit den Keimkräften der Nacht arbeiten |

In einer guten Unterrichtsstunde des Hauptunterrichts wird ein Waldorflehrer nicht alles bis zu Ende erklären, sondern bewusst wichtige Fragen offen lassen. In einer gesund durchschlafenen Nacht kann eine Frage im Unterbewussten geistig aufkeimen, so dass sie am nächsten Tag mit einem ganz anderen Tiefgang von den Schülern aus behandelt werden kann. Daran kann wiederum der Lehrer nur aus Geistesgegenwart mit seinem Unterricht anknüpfen, wobei er bereit sein muss, eventuell seinen vorbereiteten Stoff über Bord zu werfen. Dann ist aus der "Belehrungsanstalt Schule" eine lebendige Lernwerkstatt geworden, die das Geistige des Menschen aus der Nacht bewusst in den Lernprozess mit einbezieht.



Geistige Beweglichkeit gründet in körperlicher und seelischer Beweglichkeit |

Auch die körperliche Grundlage des Lernens wird besonders gepflegt. "In den körperlichen Handlungen hat die Entwicklungspsychologie die Grundlage der Intelligenz wahrgenommen. ... Noch die abstraktesten Leistungen unseres erwachsenen Vermögens haben irgendwann im Entwicklungsgang eine körperliche Handlung zu ihrer Bedingung gehabt" (Jürgen Funke, Sportpädagoge)1. Das ist eine Grunderkenntnis in der Waldorfpädagogik. Praktisch bedeutet das: neben dem Sport- und Eurythmieunterricht, werden durch Plastizieren, Schnitzen, Tischlern, Metallarbeiten, Schmieden, Steinmetzen, Stricken, Häkeln, Sticken, Schneidern, Filzen, Flechten, Schuhmachen, Spinnen, Weben, Flöten, Leierspielen, Malen, Zeichnen und Buchbinden die unterschiedlichsten Bewegungsintelligenzen ausgebildet.

Eurythmie arbeitet u.a. mit Körpersprache als eigens entwickelte Kunstform, um Musik und Sprache an der Bewegung sichtbar zu machen. Die Förderung der künstlerischen Beweglichkeit des Körpers bildet die beste Grundlage für die Entwicklung geistiger Beweglichkeit. Wissen bekommt in der heutigen Zeit eine zunehmend kürzere Halbwertzeit. Das Wichtigste, was eine Schule ausbilden kann, ist die Fähigkeit zu inneren Umbildungen, die möglichst bis ins hohe Alter erhalten bleibt.



1 Mit dem Körper leben lernen, in: B. Engholm (Hg): Demokratie fängt in der Schule an, Frankfurt a.M. 1985.