Lernen an Bildern - Lernen durch Tun |

Das Lernen im Grundschulalter ist noch nicht gedanklich abstrakt, sondern bildhaft konkret. Durch ein nachahmendes Einleben in die Bewegungsformen des Schreibens werden auch Gefühl und Willen angesprochen und die Buchstaben aus künstlerisch gestalteten Bildern herausgearbeitet. So werden das bildhafte Erleben und der Bewegungsdrang des Kindes aufgegriffen und zum Verständnis des jeweiligen Unterrichtsgegenstandes hingeführt. Unter dem Motto "Lernen durch Tun" wird so das Schreiben vor dem Lesen gelernt. Bilder, die die Schüler innerlich bewegen können, ermöglichen es, auch gefühlsmäßig in die mannigfaltigen Erscheinungen der Welt einzutauchen und sie allmählich von innen begrifflich zu konstituieren. - In der Mittel- und Oberstufe tragen handwerklicher Unterricht und Betriebs- und Sozialpraktika zur lebenspraktischen Orientierung bei.



Für seelische Qualitäten Sensibilität entwickeln |

Auch die gesunde Entwicklung emotionaler Intelligenz soll an der Waldorfschule gefördert werden. Darum sollte der Lehrer für die verschiedenen seelischen Konstitutionen der Kinder Sensibilität entwickeln und sie in den Unterricht mit einbeziehen. So wird z.B. selbst der Rechenunterricht wesentlich abwechslungsreicher und spielerischer, wenn im Klassengespräch auch auf die Temperamente der Kinder Rücksicht genommen wird.1 Die vier klassischen Temperamente - Choleriker, Sanguiniker, Melancholiker und Phlegmatiker - sind dabei nur Anhaltspunkte.



Lebendiges Unterrichten macht den Lehrer zur Autorität |

Zufriedenheit mit einer Unterrichtsstunde sollte einen Lehrer nicht dazu verleiten, sie später zu wiederholen, so meinte Rudolf Steiner (1861 – 1925), Begründer der Waldorfschule und der ihr zugrundeliegenden Menschenkunde. Denn wer sich am Leben orientiert, ist ständig in Verwandlung begriffen. Auf der lebendigen Ausgestaltung des Unterrichtsinhaltes gründet die natürliche Autorität des Grundschullehrers.

Das Wort "Autorität" ist immer wieder Quelle von Missverständnissen, wenn es fälschlicherweise mit "autoritär" assoziiert wird. Echte Autorität entsteht nur aus einem Vertrauensverhältnis zwischen Lehrer und Schüler. Rudolf Steiner betont, dass es "unendlich wichtig" sei, dass das Grundschulkind an dem Erzieher bzw. Lehrer "eine selbstgewählte, freiwillig gewählte Autorität empfindet"2. Dessen muss sich der Lehrer erst als würdig erweisen. Eine autoritäre Haltung ist diesem Ideal genau entgegengesetzt. Lehrer werden autoritär, wenn sie nicht mehr über die notwendige innere Ruhe und liebevolle Hingabe an die lebendige Kindesnatur verfügen. Schon Rudolf Steiner hatte vorgeschlagen, den Lehrerberuf dadurch immer wieder an das Leben heranzuführen (und dem "Burn-out-Syndrom" entgegenzuwirken), dass in einem Sabbatjahr der Lehrer z.B. in wirtschaftlichen Berufen arbeitet.3

Die menschenbildende Wirkung des Unterrichts hängt entscheidend davon ab, ob die Pädagogen versuchen, die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen innerlich zu begleiten und dabei ihre eigene Begriffsbildung ständig in Fluss zu halten. dass das nicht immer gelingt, gehört zum Spannungsfeld jeder Schule. Eine bewegliche Begriffsbildung kann sich keinem Menschenbild verschreiben. Rudolf Steiner war der Auffassung, dass es keinen allumfassenden Standpunkt geben kann. Will man Mensch und Welt verstehen, muss man sich die Fähigkeit erarbeiten, immer wieder völlig neue Sichtweisen zu erproben.










1 Siehe z.B. Ernst Schuberth: Der Anfangsunterricht in der Mathematik an Waldorfschulen. Aufbau, fachliche Grundlagen und menschenkundliche Gesichtspunkte, Stuttgart 1993.
2 aus: Die Erneuerung der pädagogisch-didaktischen Kunst durch Geisteswissenschaft, Vortrag v. 20.04.1920.
3 Die Realisierung dieses Vorschlages blieb Ausnahmefall. Noch besser wäre es, wenn der Unterricht nicht von Berufslehrern auf Lebenszeit, sondern von Menschen erteilt würde, die im Leben "zirkulieren", bis dahin, dass Menschen mit langjähriger Berufserfahrung während "fünf oder zehn Jahren" an die Schule gehen, um "dasjenige den Jungen und Mädchen zu sagen, was zu sagen ist aus dem Leben. Dann, wenn das ein bisschen altbacken geworden ist", mögen sie zurück in ihre Berufe kehren (siehe Ende des letzten Vortrags Rudolf Steiners vom 29. August 1922 in Oxford, enthalten in Band 305 der Gesamtausgabe). Denn Schulen haben prinzipiell die Tendenz, weltfremd zu werden. Steiner wollte eine möglichst weltnahe Schule, die nicht von bürokratisch verordneten Lehrplänen gegängelt oder -– heute noch aktueller – von Abschlussprüfungen pädagogisch deformiert wird.